Fina Funkelstern, Fips und das Flüstern im Wald

In Sternenwinkel begann der Morgen manchmal schon in der Nacht.

Nicht, weil die Sonne zu früh aufstand. Die Sonne schlief noch tief hinter den Hügeln, eingekuschelt in rosafarbene Wolken. Aber manchmal geschah in Sternenwinkel etwas, das so leise und wichtig war, dass sogar die Nacht den Atem anhielt.

An diesem Morgen-in-der-Nacht saß Fina Funkelstern auf ihrer Fensterbank und konnte nicht schlafen.

Draußen lag Sternenwinkel friedlich unter dem Sternenhimmel. Der Sternensee glitzerte wieder hell und ruhig, seit Fina und Fips das Herzlicht gefunden hatten. Der Wunschbaum leuchtete in der Ferne mit seinen vielen kleinen Wunschlichtern, und die Mondblumen im Garten hatten ihre Blüten weit geöffnet.

Alles sah aus, als wäre es genau so, wie es sein sollte.

Aber Fina spürte etwas.

Ein kleines Ziehen im Herzen.

Ein leises Kribbeln in den Fingerspitzen.

Und dann hörte sie es.

Flüster, flüster.

Fina setzte sich aufrechter hin.

Unter der Decke am Fußende bewegte sich etwas Orangefarbenes.

„Fips?“, flüsterte Fina.

Die Decke raschelte.

„Ich schlafe“, murmelte eine Stimme.

„Du sprichst aber.“

„Im Schlaf.“

Fina lächelte. „Dann kannst du im Schlaf bestimmt auch hören.“

Ein Auge öffnete sich unter der Decke.

„Kommt darauf an, was ich hören soll. Wenn es um Traumkekse geht, höre ich ausgezeichnet.“

Fina legte den Kopf schief und lauschte wieder.

Flüster, flüster.

Dieses Mal kam das Geräusch ganz eindeutig aus Richtung Flüsterwald.

Fips kroch langsam unter der Decke hervor. Seine Ohren stellten sich auf.

„Das ist der Wald“, sagte er leise.

„Ja.“

„Er flüstert.“

„Das macht er oft.“

Fips schüttelte den Kopf. „Nicht so.“

Fina sah ihn an. „Wie meinst du das?“

Fips sprang von der Fensterbank und stellte sich ans Fenster. Seine kleine Sternenspitze am Schwanz glimmte schwach. Nicht golden wie bei einem Wunsch. Nicht warm wie beim Herzlicht.

Diesmal leuchtete sie silbrig-grün.

„Das ist kein normales Flüstern“, sagte Fips. „Das klingt wie … als hätte der Wald sich verlaufen.“

Fina zog ihre kuschelige Strickjacke über.

„Dann müssen wir nachsehen.“

Fips seufzte.

„Warum sagt niemand jemals: Dann müssen wir uns noch einmal hinlegen?“

Fina nahm ihr Sternenlicht-Glas vom Regal. Darin schimmerte die kleine Seelichtperle, die Nelli ihnen geschenkt hatte. Sie leuchtete sanft, als wüsste sie schon, dass eine neue Reise begann.

Fips tappte zur Tür.

„Ich komme natürlich mit“, sagte er. „Nicht, weil ich Angst hätte, allein zu bleiben. Sondern weil du ohne mich wahrscheinlich in irgendeinen Baum hineinläufst.“

„Natürlich“, sagte Fina.

„Oder in einen sehr geheimnisvollen Busch.“

„Das wäre schlimm.“

„Sehr schlimm.“

Gemeinsam traten sie hinaus in die Nacht.

Die Luft war kühl und roch nach feuchtem Moos, nassen Blättern und ein bisschen nach Zimtsternen. Über ihnen funkelten die Sterne, aber über dem Flüsterwald hing ein blasser Nebel. Er bewegte sich nicht wie normaler Nebel. Er kringelte sich um die Baumwipfel, als würde er nach etwas suchen.

Fina blieb am Gartentor stehen.

„Der Wald sieht anders aus.“

Fips nickte. „Er sieht aus, als hätte er schlecht geträumt.“

Der Weg zum Flüsterwald führte an den Mondblumen vorbei und über eine kleine Brücke aus hellem Stein. Darunter plätscherte ein Bach, der tagsüber silbern und nachts dunkelblau war. Heute aber klang er ungewohnt leise.

Fina beugte sich hinunter.

„Hallo, kleiner Bach“, sagte sie. „Weißt du, was im Flüsterwald los ist?“

Das Wasser kräuselte sich.

Dann formte es ein Wort aus kleinen Wellen:

Still.

Fips blinzelte.

„Still? Der Flüsterwald ist doch nie still.“

Genau in diesem Moment hörten sie es wieder.

Flüster, flüster.

Aber es klang nicht wie Worte. Es klang wie jemand, der etwas sagen wollte, aber nicht wusste, wie.

Fina spürte, wie ihr Herz schneller klopfte.

„Komm, Fips.“

Sie betraten den Flüsterwald.

Normalerweise begrüßten die Bäume sie mit weichem Rascheln.

Willkommen, Fina.

Willkommen, Fips.

Tritt leise.

Hab Mut.

Heute aber war alles durcheinander.

Die Blätter flüsterten übereinander hinweg. Die Zweige zitterten, obwohl kein Wind ging. Kleine Lichtkäfer flogen wirr zwischen den Stämmen hin und her, als hätten sie ihre Wege vergessen.

„Das gefällt mir nicht“, murmelte Fips.

Fina hielt das Sternenlicht-Glas ein Stück höher. Die Seelichtperle darin warf einen warmen Schein auf den Pfad.

„Wir finden heraus, was passiert ist.“

Ein Blatt löste sich von einem Baum und segelte langsam zu ihnen herab. Es war silbern, mit feinen Adern aus Sternenstaub. Fina fing es vorsichtig auf.

Kaum berührte sie das Blatt, begann es zu zittern.

Darauf erschienen leuchtende Worte:

Die Stimme des Waldes ist verschwunden.

Fina las die Worte laut vor.

Fips’ Augen wurden groß.

„Der Wald hat eine Stimme?“

Ein alter Baum neben ihnen knarrte leise. Seine Rinde war dunkel und voller kleiner Muster, die aussahen wie geschlossene Augen.

Aus seinen Blättern kam ein schwaches Flüstern.

Jeder Wald hat eine Stimme.

Fina trat näher.

„Was ist passiert?“

Der alte Baum schwieg einen Moment. Dann raschelte er müde.

Unsere Stimme wohnt im Klangblatt.
Es hängt tief im Herzen des Waldes.
Doch heute Nacht ist es verstummt.

Fips setzte sich hin.

„Ein Klangblatt?“

Der Baum bewegte einen Ast. Ganz langsam zeigte er tiefer in den Wald.

Dort, wo die Wurzeln Geschichten bewahren.

Fips schluckte.

„Natürlich. Immer dort, wo es am geheimnisvollsten klingt.“

Fina strich sanft über seine Ohren.

„Wir gehen zusammen.“

Der alte Baum ließ ein zweites Blatt fallen. Diesmal war es kleiner und rund wie ein Herz.

Folgt den leisen Dingen.

Fina legte das Blatt in ihr Sternenlicht-Glas. Sofort begann es darin schwach zu schimmern.

„Den leisen Dingen folgen“, wiederholte sie.

Fips schnupperte am Boden.

„Ich rieche Moos. Tannennadeln. Einen Käfer, der gestern hier entlanggelaufen ist. Und …“

Seine Nase zuckte.

„Traurigkeit.“

Fina kniete sich neben ihn.

„Von wem?“

Fips lief ein paar Schritte. Dann blieb er vor einem kleinen Farn stehen. Zwischen den Farnblättern lag ein winziger Federflaum.

Nicht größer als Finas Daumen.

Er war grau und weich und zitterte leicht.

Fina hob ihn vorsichtig auf.

„Das ist von einem Nachtvogel.“

Fips sah nach oben.

„Vielleicht hat er etwas gesehen.“

Plötzlich raschelte es über ihnen.

Ein kleines Wesen plumpste aus einem niedrigen Zweig direkt vor Fips’ Pfoten.

„Ah!“, rief Fips und sprang einen Satz zurück.

Das Wesen war ein kleiner Vogel mit runden Augen, wuscheligen Federn und einem viel zu ernsten Gesicht. Sein Gefieder war grau wie Abendnebel, aber auf seiner Stirn saß ein winziger heller Punkt.

Fina hockte sich hin.

„Hallo. Bist du verletzt?“

Der kleine Vogel schüttelte sich und blinzelte.

„Nein“, piepste er. „Nur gefallen.“

Fips räusperte sich und stellte sich wieder neben Fina.

„Ich bin übrigens auch nur zurückgesprungen, damit du genug Platz zum Fallen hast.“

Der Vogel sah ihn an.

„Sehr freundlich.“

Fina musste lächeln.

„Wie heißt du?“

Der Vogel plusterte sich auf.

„Ich bin Nox. Nachtwächter des dritten Zweigs.“

Fips schaute nach oben zum Baum.

„Das ist ein wichtiger Zweig?“

Nox nickte ernst.

„Sehr wichtig. Von dort aus sieht man fast bis zum Pilzkreis.“

„Beeindruckend“, sagte Fips.

„Hast du gesehen, was mit dem Klangblatt passiert ist?“, fragte Fina.

Bei diesem Wort duckte Nox den Kopf.

„Vielleicht.“

„Bitte erzähl es uns.“

Nox trat von einem Fuß auf den anderen.

„Ich habe in der Nacht Wache gehalten. Sehr wach. Also fast sehr wach. Vielleicht habe ich kurz geblinzelt.“

Fips nickte verständnisvoll.

„Blinzeln ist gefährlich nah am Schlafen.“

„Als ich wieder nicht geblinzelt habe“, fuhr Nox fort, „war plötzlich ein grauer Wind da. Er kam nicht von außen. Er kam aus dem Wald selbst. Und dann wurde das Klangblatt ganz still.“

Fina runzelte die Stirn.

„Ein grauer Wind?“

Nox nickte.

„Er hat alle Worte eingesammelt, die niemand ausgesprochen hat.“

Der Wald um sie herum rauschte unruhig.

Fina spürte, wie die kleinen Haare an ihren Armen sich aufstellten.

„Worte, die niemand ausgesprochen hat?“

Nox senkte die Stimme.

„Ja. Ungeweinte Tränen. Ungesagte Entschuldigungen. Wünsche, die man sich nicht zu wünschen traut. Mut, der im Bauch stecken bleibt.“

Fips wurde ganz still.

Fina sah zum dunklen Pfad vor ihnen.

„Und dieser Wind hat die Stimme des Waldes mitgenommen?“

„Nicht mitgenommen“, sagte Nox. „Verknotet.“

Fips’ Ohren klappten zur Seite.

„Man kann eine Stimme verknoten?“

Nox nickte sehr ernst.

„Im Flüsterwald schon.“

Fina stand auf.

„Dann müssen wir den Knoten lösen.“

Nox’ Augen wurden noch größer.

„Ihr wollt zum Herzen des Waldes?“

Fips hob die Schnauze.

„Natürlich.“

Dann beugte er sich zu Fina und flüsterte:

„Wollen wir das wirklich?“

Fina nahm seine Pfote.

„Ja.“

Fips atmete tief ein.

„Gut. Dann natürlich.“

Nox flatterte auf einen niedrigen Ast.

„Ich begleite euch bis zum Pilzkreis. Danach müsst ihr allein weiter. Nur wer ein leises Wort im Herzen trägt, findet den Weg zum Klangblatt.“

„Ein leises Wort?“, fragte Fina.

Nox nickte.

„Etwas, das gesagt werden möchte.“

Fina dachte nach.

Auch Fips sagte nichts.

Das war ungewöhnlich.

Sie gingen weiter. Nox flog von Ast zu Ast voran. Der Weg wurde schmaler. Die Bäume standen dichter beieinander, und ihre Wurzeln wuchsen wie schlafende Drachen über den Boden.

Nach einer Weile kamen sie zu einem Kreis aus leuchtenden Pilzen. Jeder Pilz hatte einen kleinen goldenen Punkt auf der Kappe. In der Mitte des Kreises lag ein Stein, glatt und rund wie ein Mond.

Nox landete darauf.

„Hier endet mein Zweiggebiet“, sagte er.

Fips sah sich um.

„Sehr schönes Gebiet. Etwas pilzig, aber gemütlich.“

Nox beugte sich vor.

„Von hier aus müsst ihr auf das hören, was fast nicht zu hören ist.“

Fina nickte.

„Danke, Nox.“

Der kleine Nachtvogel plusterte sich auf.

„Ich habe nur meine Pflicht getan.“

Dann fügte er leiser hinzu:

„Und ich hatte ein kleines bisschen Angst.“

Fips schaute ihn an.

„Ich auch.“

Nox blinzelte überrascht.

Fips zuckte mit den Schultern.

„Aber Fina sagt, man darf Angst haben und trotzdem weitergehen.“

Fina lächelte.

Nox’ Stirnpunkt begann sanft zu leuchten.

„Das ist ein gutes Nachtwächter-Wissen.“

Dann flatterte er davon.

Fina und Fips standen allein am Pilzkreis.

Es war sehr still.

Nicht friedlich still.

Suchend still.

Fina schloss die Augen.

„Was ist fast nicht zu hören?“, flüsterte sie.

Fips setzte sich neben sie. Seine Schwanzspitze leuchtete silbrig-grün.

„Vielleicht ein Käfer mit Socken?“

Fina musste leise lachen.

Dann hörte sie es.

Ein winziges Summen.

Es kam nicht von rechts oder links.

Es kam von unten.

Fina legte die Hand auf den Boden. Unter ihren Fingern vibrierte die Erde ganz leicht.

„Da.“

Fips legte sein Ohr auf das Moos.

„Ich höre es. Es klingt wie … hm.“

„Wie was?“

Fips’ Stimme wurde klein.

„Wie jemand, der nicht sagen möchte, dass er sich entschuldigen will.“

Fina sah ihn an.

„Fips?“

Der kleine Fuchs wich ihrem Blick aus.

„Ich habe gestern den letzten Traumkeks gegessen.“

Fina blinzelte.

„Das weiß ich.“

„Nein“, sagte Fips. „Ich meine den allerletzten. Den, den du dir für morgens aufgehoben hattest.“

Fina schwieg.

Fips zog den Schwanz näher an sich.

„Ich wollte es sagen. Aber dann dachte ich, vielleicht merkst du es nicht. Und dann war es zu spät. Und dann hat mein Bauch sich komisch angefühlt.“

Der Boden unter ihnen summte etwas lauter.

Fina setzte sich neben ihn.

„Danke, dass du es mir sagst.“

Fips sah sie vorsichtig an.

„Bist du böse?“

Fina dachte kurz nach.

„Ein bisschen traurig war ich schon, weil ich mich darauf gefreut hatte. Aber ich bin nicht böse. Ich freue mich, dass du ehrlich bist.“

Fips atmete aus.

„Es tut mir leid.“

In diesem Moment leuchtete der Pilzkreis auf. Zwischen den Pilzen erschien ein kleiner Pfad aus grünen Lichtpunkten.

Fina lächelte.

„Ich glaube, dein leises Wort war der Schlüssel.“

Fips sah den Pfad an.

„Eine Entschuldigung kann einen Weg öffnen?“

„Manchmal ja.“

„Dann sollte man sie vielleicht nicht so lange im Bauch behalten.“

„Vielleicht nicht.“

Sie folgten dem grünen Lichtpfad tiefer in den Wald. Je weiter sie gingen, desto lauter wurde das Summen. Doch es blieb sanft, als wollte es sie nicht erschrecken.

Bald erreichten sie eine große Lichtung.

In ihrer Mitte stand kein Baum, sondern ein riesiges Wurzelherz. Dutzende Wurzeln wuchsen aus allen Richtungen zusammen und bildeten eine runde, schützende Höhle. In der Mitte dieser Höhle hing ein großes Blatt.

Das Klangblatt.

Es war durchsichtig wie feines Glas und schimmerte in allen Farben der Nacht. Doch über dem Blatt lag ein grauer Knoten aus Nebel. Er zog sich eng darum, sodass kein Ton hindurchkam.

Fina trat näher.

„Da ist der Knoten.“

Fips sah den grauen Nebel an.

„Der sieht aus wie Bauchweh.“

Aus dem Knoten kam ein leises Murmeln.

Nicht ein Wort.

Viele Worte.

Durcheinander.

Ich wollte doch nur …

Ich traue mich nicht …

Bitte sieh mich …

Es tut mir leid …

Ich kann das nicht …

Fina spürte die Schwere darin.

„Das sind die ungesagten Worte“, flüsterte sie.

Fips stellte sich dicht neben sie.

„Wie lösen wir sie?“

Fina hielt das Sternenlicht-Glas hoch. Das kleine Blatt des alten Baumes schimmerte darin.

Folgt den leisen Dingen.

Fina schloss die Augen.

„Vielleicht müssen wir ihnen zuhören.“

„Allen?“, fragte Fips.

„Nicht allen auf einmal.“

Sie setzte sich vor das Klangblatt. Fips setzte sich neben sie und legte seinen Schwanz um seine Pfoten.

Der graue Knoten bewegte sich.

Ein kleiner Nebelfaden löste sich und schwebte zu Fina.

Darin hörte sie eine Stimme.

Ich will mutig sein, aber ich habe Angst.

Fina legte eine Hand auf ihr Herz.

„Du darfst Angst haben“, sagte sie leise. „Mut bedeutet nicht, dass die Angst weg ist. Mut bedeutet, dass du liebevoll mit ihr weitergehst.“

Der Nebelfaden wurde heller und löste sich in silbernen Staub auf.

Ein zweiter Faden schwebte zu Fips.

Ich habe etwas falsch gemacht.

Fips schluckte.

Dann sagte er:

„Dann darfst du es sagen. Es ist schwer, aber danach wird dein Bauch wieder leichter.“

Auch dieser Faden löste sich.

Der Knoten wurde ein kleines bisschen lockerer.

Immer mehr Nebelfäden kamen. Manche trugen traurige Worte. Manche ängstliche. Manche waren so leise, dass Fina sie kaum verstand.

Ich fühle mich allein.

„Dann schicken wir dir ein kleines Licht“, sagte Fina.

Ich bin nicht so gut wie die anderen.

„Du musst nicht wie die anderen sein“, sagte Fips. „Ich bin auch kein besonders guter Vogel. Aber als Fuchs bin ich ziemlich gelungen.“

Fina musste lächeln.

Ich brauche Hilfe.

„Dann darfst du sie holen“, sagte Fina. „Hilfe macht dich nicht klein.“

Mit jedem gehörten Satz wurde der Knoten heller. Der Flüsterwald begann langsam wieder zu atmen. Die Blätter raschelten vorsichtig. Die Wurzeln unter ihnen wurden warm.

Dann blieb nur noch ein einziger grauer Faden übrig.

Er war dicker als die anderen und lag fest um das Klangblatt.

Aus ihm kam keine Stimme.

Nur Stille.

Fina beugte sich vor.

„Was ist das?“

Fips’ Schwanzspitze begann stärker zu leuchten.

Er sah den Faden lange an.

Dann sagte er sehr leise:

„Das ist ein Wort, das sich gar nicht traut.“

Fina legte ihre Hand neben seine Pfote.

„Vielleicht braucht es Zeit.“

Fips nickte.

Dann trat er einen Schritt näher an das Klangblatt.

„Hallo, leises Wort“, sagte er. „Ich bin Fips. Ich bin auch manchmal leise. Nicht oft, aber manchmal.“

Der Faden bewegte sich kaum.

Fips atmete tief ein.

„Du musst nicht sofort laut sein. Du kannst erst einmal ganz klein anfangen.“

Der graue Faden zitterte.

Dann kam ein winziges Flüstern heraus.

Ich bin traurig.

Mehr nicht.

Nur diese drei Worte.

Aber als sie erklangen, wurde die ganze Lichtung stiller. Nicht schwerer. Sondern weicher.

Fina spürte Tränen in ihren Augen.

„Danke, dass du es gesagt hast“, flüsterte sie.

Der graue Faden löste sich langsam vom Klangblatt.

Er wurde silbern.

Dann golden.

Dann verschwand er in einem sanften Funkeln.

Das Klangblatt hing frei im Wurzelherz.

Für einen Moment geschah nichts.

Dann bewegte es sich.

Ganz leicht.

Ein Ton erklang.

Hell und weich.

Wie der erste Tropfen Regen auf ein trockenes Blatt.

Dann ein zweiter Ton.

Dann viele.

Das Klangblatt begann zu singen.

Nicht laut.

Nicht wie ein Lied mit Worten.

Es klang wie Wind in den Baumwipfeln, wie Wasser über Steine, wie ein gutes Geheimnis, das man jemandem anvertraut. Der Ton breitete sich im ganzen Wald aus.

Die Bäume richteten sich auf.

Die Lichtkäfer fanden ihre Wege wieder.

Der Nebel über den Baumwipfeln wurde hell und löste sich in kleine Sterne auf.

Und dann flüsterte der Flüsterwald.

Nicht durcheinander.

Sondern klar.

Danke, Fina.

Danke, Fips.

Fips setzte sich sehr gerade hin.

„Der Wald kennt meinen Namen.“

„Natürlich“, sagte Fina. „Du hast ihm geholfen.“

Der alte Baum von vorhin ließ aus der Ferne seine Blätter rauschen.

Worte, die gehört werden, finden ihren Weg.

Fina lächelte.

Das Klangblatt löste ein winziges Stück seines Randes. Es war kaum größer als eine Feder und schwebte zu Fina hinunter. Sie fing es mit beiden Händen.

„Für dein Sternenlicht-Glas?“, fragte Fips.

Fina nickte.

„Damit wir uns erinnern.“

„An den Wald?“

„Ans Zuhören.“

Fips schaute auf seine Pfoten.

„Und an Entschuldigungen?“

Fina lächelte.

„Auch daran.“

Auf dem Rückweg wirkte der Flüsterwald ganz anders. Die Schatten waren nicht verschwunden, aber sie fühlten sich nicht mehr schwer an. Die Bäume flüsterten wieder sanft.

Tritt leise.

Hab Mut.

Sag, was dein Herz leichter macht.

Am Pilzkreis wartete Nox, der kleine Nachtwächter, auf sie.

„Ihr habt es geschafft!“, piepste er.

Fips hob den Kopf.

„Natürlich. Wir sind erfahrene Retter wichtiger Waldsachen.“

Nox flatterte aufgeregt.

„Der dritte Zweig hat es gehört! Und der zweite auch! Vielleicht sogar der vierte!“

„Dann wissen jetzt alle, dass du ein guter Nachtwächter bist“, sagte Fina.

Nox wurde ganz verlegen.

„Ich habe auch etwas gesagt“, flüsterte er.

„Was denn?“, fragte Fips.

„Dass ich manchmal Angst habe, beim Wachen einzuschlafen.“

Fips nickte ernst.

„Sehr verständlich. Schlaf ist ein starker Gegner.“

Nox lachte. Dann flog er zurück zu seinem Zweig.

Als Fina und Fips den Wald verließen, begann der Himmel am Rand schon ein kleines bisschen heller zu werden. Die Nacht war noch da, aber der Morgen schickte bereits einen ersten rosigen Streifen über die Hügel.

In der Funkelhütte war es warm und still.

Fina stellte das kleine Stück vom Klangblatt in ihr Sternenlicht-Glas. Neben der Seelichtperle begann es sanft zu schimmern. Es machte keinen lauten Ton, aber wenn man ganz genau hinhörte, hörte man ein winziges, freundliches Flüstern.

Fips kletterte müde auf die Fensterbank.

„Fina?“

„Ja?“

„Ich möchte noch etwas sagen.“

Fina setzte sich neben ihn.

„Ich höre.“

Fips sah sie ernst an.

„Wenn wir nachher neue Traumkekse backen, gebe ich dir den ersten.“

Fina lächelte.

„Danke.“

„Und den zweiten vielleicht auch.“

„Vielleicht?“

Fips gähnte.

„Wir wollen ja ehrlich bleiben.“

Fina lachte leise und zog die Decke über sie beide.

Draußen flüsterte der Wald wieder im Rhythmus der Nacht. Der Sternensee glänzte, der Wunschbaum leuchtete, und über Sternenwinkel lag ein Gefühl, als hätte jemand ein schweres Wort ausgesprochen und dadurch Platz für etwas Helles gemacht.

Fips kuschelte sich an Fina.

„Gute Nacht, Flüsterwald“, murmelte er.

Fina strich ihm sanft über den Kopf.

„Gute Nacht, mutiger Fips.“

Der kleine Fuchs öffnete noch einmal ein Auge.

„Mutig und ehrlich.“

„Mutig und ehrlich“, wiederholte Fina.

Dann schliefen sie ein.

Und in ihrem Sternenlicht-Glas flüsterte das kleine Klangblatt die ganze Nacht:

Was dein Herz leiser macht, darf ausgesprochen werden.
Und was ausgesprochen wird, kann leichter werden.

Funkelbotschaft

Manchmal tragen wir kleine Worte im Herzen, die sich nicht heraus trauen.
Doch wenn jemand liebevoll zuhört, dürfen sie leise beginnen.
Und oft wird genau dadurch alles ein bisschen heller.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert